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  • AutorenbildAlexander Capistran

Steward X – Über eine neue Denk- und Lebensform, inspiriert vom Verantwortungseigentum

Wo ich diese Zeilen schreibe, weile ich auf der VE:23 Konferenz für Verantwortungseigentum in Berlin. Eben hat der Bundespräsident gesprochen, die Menschen sind wirtschaftlich versiert und elegant. Dabei kam mir ein Gedanke, den ich hier teilen möchte: Könnte man das Konzept des Verantwortungseigentums (steward ownership) nicht zu einer allgemeinen Denkform ausdehnen?


Im Verantwortungseigentum geben die Eigentümer einer Unternehmung ihre privaten Besitzansprüche an dem Unternehmen auf und überführen diese in eine Stiftung, die durch den festgelegten Stiftungszweck ihrem Sinn treu bleibt und unverkäuflich wird. Die Geschäftsführung einer solchen Unternehmung besteht aus Treuhändern, Stewards, die für eine bestimmte Zeit die Verantwortung für das Unternehmen übernehmen. Um diese bisher nur kompliziert durch Stiftungen realisierbare Idee leichter umzusetzen, ringen die Befürworter:innen nach einer Rechtform, deren Schaffung im aktuellen Koalitionsvertrag steht und sicher bald Realität sein wird (inshallah).


Unternehmensgewinne sollten nur Mittel zum jeweiligen Zweck des Unternehmens sein, nicht andersherum. Dieser Gedanke steht hinter Verantwortungseigentum. Darum sind die Unternehmen unverkäuflich, der Sinn wird festgeschrieben, sie gehören einer Stiftung, also quasi „sich selbst“, nur nicht irgendwelchen Eigentümern. Die Geschäftsführer:innen sind Angestellte.


Wann immer nun die Mittel zum Hauptzweck einer Sache werden, wo sie eigentlich besser Mittel blieben, kommt die neue Denkform ins Spiel: Werde ein „Steward of everything“, kultiviere Verantwortungs-Denken, führe ein Verantwortungsleben. In wie vielen Bereichen ist das Gegenteil der Fall: Statt für das Leben zu lernen, lernen die Leute für das Abitur; Bildung ist auf Studienabschlüsse zusammengeschrumpft, Drittmittel sind bisweilen wichtiger als die wissenschaftliche Forschung selbst, Politik besteht zu einem großen Teil aus dem Bestreben (wieder) gewählt zu werden, Medien sollten aufklären und informieren, sind aber mehr und mehr auf das Erhaschen von Klicks und Reichweite ausgelegt, zwischenmenschliche Verbindungen werden zu Networking und Statuspflege, Liebesbeziehungen nicht selten zu bürgerlichen Bedürfnisbefriedigungsanstalten mit Steuerersparnispotential. Wirtschaft, Politik, Recht als Selbstzweck? Wilhelm Wundt schuf das Wort „Heterogonie“ für den Prozess der Überwucherung des Zwecks durch die Mittel. Solche Heterogonien erleben wir in den meisten Lebensbereichen – ihr Zustand fordert uns implizit dazu auf, zu Verantwortungsdenken, Purpose-Orientierung überzugehen. In diesem Prozess, den wir am weitesten elaboriert wohl im Verantwortungseigentum antreffen, sind Mittel und Zweck in Harmonie, wieder ins Gleichgewicht gebracht. Ohne Mittel gibt es auch keine Zwecke ließe sich dialektisch sagen, das heißt, die Mittel, seien es Arbeit, Profit, Techniken der Skalierung oder Verträge sind eminent wichtig für die Verwirklichung des Zwecks, nur müssen sie diesem jederzeit den Vortritt lassen.


Der Mensch, der diese Harmonie aus Sinn und Verstand kuratiert, diese Balance aus Mittel und Zweck, tritt in der Gestalt des „Steward“ auf. Ein Treuhänder weit über das Eigentum hinaus. Er hält die res publica, justitia und agape und eros alle gleichermaßen in treuen Händen. Hingegeben an den Sinn wird er genährt von der Rückstrahlung seiner Widmung auf ihn selbst. Die Figur des Treuhänders, die sich in allen möglichen Lebensbereichen für den Sinn einsetzt (Steward X), ist selbst ein Medium, ein Mittel für diese Zwecke. Was aber ist dann der Sinn und Zweck des treuhänderischen Lebens? Mit dieser Frage schließe ich die Betrachtungen und führe meine postmodernen Hirtenversuche weiter.



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